Investment

Antizyklisches Anlageverhalten

Derzeit wird in vielen Medien die Frage thematisiert, ob man an der Börse Geld verdienen kann. Der gegenwärtige Tenor lautet: Nein, das geht nicht. Der Dax ist von 8200 Punkten (Anfang 2000) auf 3600 Punkte (Anfang 2009) gefallen. Selbst im Vergleich zu Mitte 2010 (ca. 6200 Punkte) ergibt sich ein negatives Bild.

Dennoch ist in diesem Zeitraum an der Börse viel Geld verdient worden. Wer hat das Geld verdient? Es sind die Antizykliker.

Wann wäre in den letzten zehn Jahren der ideale Einstiegszeitpunkt an der Börse gewesen?

Die günstigsten Zeitpunkte wären Anfang 2003 sowie Anfang 2009 gewesen. Von Anfang 2003 bis Mitte 2007 stieg der Dax von ca. 2200 Punkten auf über 8000 Punkte. Von Anfang 2009 bis 2010 stieg der Dax von ca. 3600 Punkten auf 6200 Punkte.

Fragt man Anlegen, ist jedem Gefragten klar, dass Anfang 2200 Punkte ein idealer Einstiegszeitpunkt gewesen ist. Nur wer ist damals tatsächlich in die Börse eingestiegen? Anfang 2003 war die Diskussion keineswegs, wie schnell die Börse wieder steigt. Ganz im Gegenteil: die allgemeine Diskussion bei Anlegern und Medien kreiste damals um das Thema, wie schnell der Dax die 1000 Punkte Marke unterschreitet. Diejenigen Auguren waren damals auch hoch glaubwürdig: Hatte doch der Dax bis zum Stand von 2200 Punkten fast 75% seines Wertes verloren. Wer hätte nicht geglaubt, dass er noch einmal 50% an Wert verliert? Dies war viel glaubwürdiger als ein Anstieg. Genau dieselbe Situation herrschte Anfang 2009: Auch damals gingen die „Experten“ davon aus, dass der Dax schnell den alten Tiefstand von Anfang 2003 wieder erreicht. Die Frage, die diskutiert wurde, war nicht, werden die 2200 Punkte erreicht, sondern werden Sie unterboten und die 1000 Punktemarke unterboten. Damals zu investieren, erforderte sehr starke Nerven.

Viel einfacher war das Investment Anfang 2000. Damals, bei einem Dax von 8200 Punkten, ging es in den Diskussionen um die Frage, wie schnell die 10000 Punkte Marke überboten wird. Auf jeder Party waren Aktien das Topthema. Wer nicht investiert war, wurde belächelt.

Was tun? Meine Finanz-Beratung beschäftigt sich mit der Frage, welches Investment ist derzeit möglichst wenig „en vogue“. Wie kann man sich von „trendigen Investmententscheidungen“ abkoppeln und antizyklische Entscheidungen erreichen? Wie kann man mit Bedacht prozyklische Entscheidungen treffen? Es schadet ja nichts, einem allgemeinen Trend zu folgen, solange man nicht der letzte ist, der auf einen Zug aufspringt. Dabei gilt es einige Punkte zu beachten:

Das Anlageprodukt: Das Topthema in den Medien: Welches ist der beste Fonds. Häufig wird von Ex-post Betrachtungen auf die Qualität des Anlagenproduktes geschlossen. Sicherlich gibt es Anlagemanger, die besser sind, als andere. Nur wer das ist, kann man vorher nicht wissen. Deswegen ist die Fokussierung auf wenige Anlageprodukte wichtig. Vergessen Sie die Frage, ob Fonds a oder B besser ist. Wichtiger ist, in jeder Anlagekategorie ein gutes Produkt zu haben.

Zu starke Fokussierung auf die Kosten: Ob die Jahresgebühr einer Anlage 1,8% oder 0,25% ist, spielt keine Rolle, wenn die erste Anlage 80% Gewinn macht, die andere Anlage 40% Verlust.

Abkoppeln vom “allgemeinen Trend“. Medien sind häufig ein Kontra-Indikator. Ein günstiger Einstiegszeitpunkt ist häufig, wenn die Medien die Börse als „tot“ bezeichnen, wie André Kosztolany einmal bemerkt. Starinvestor Templeton sagte, man muss investieren, wenn Blut auf der Straße ist. Ich denke, es ist wichtig, für den Anleger, sich möglichst autark von Beeinflussung durch die Medien zu machen. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, einen Finanzberater zu haben, der sich versucht, möglichst frei von den Medien zu machen. Trotzdem sind Medien natürlich sehr wichtig. Auch wenn sie ein Kontraindikator sind.

Abkoppeln von Trendprodukten von Banken: Besonders ungünstig sind Investments in engen Märkten, die von großen Banken gehypt werden. Das sind oft Schneeballsysteme, in denen die ersten Anleger gewinnen auf Kosten der später einsteigenden.

Kurs-Gewinn-Verhältnisse („KGVs“) sind ein schwieriger Indikator. Die Betrachtung der KGVs macht natürlich aus fundamentaler Sicht sehr viel Sinn. Anhand dessen kann man erkennen, ob ein Markt überbewertet ist oder nicht. KGVs über 20 deuten darauf hin, dass ein Markt überbewertet ist, sich eine Blase bildet. KGVs unter 12, insbesondere unter 10 sprechen für unterbewertete Märkte. Ein Investment macht Sinn. Das Problem ist, wie hoch ist das KGV eines Marktes? Es hängt von den Gewinnen ab, die die Firmen reporten. In diesen Gewinnen gibt es Unsicherheiten. Die Gewinne werden aus den Betrachtungen der vergangenen Perioden fortgeschrieben. Externe Schocks werden dabei nicht berücksichtigt. Bis externe Schocks die Gewinnvorhersagen beeinflussen, können Quartale vergehen. In der Krise 2008/2009 waren die KGVs der Unternehmen sehr günstig. Das lag daran, dass die Unternehmen ihre Gewinnerwartungen noch nicht an die neuen Rahmenbedingen angepasst hatten. Richtet man sich in seinen Anlageentscheidungen zu stark an den KGV aus, besteht die Gefahr eines zyklischen Anlageverhaltens.

Fokussierung auf die Inflation: Ein viel besserer vorlaufender Indikator ist die Inflationsrate: Der Grund dafür ist, dass der Anleger die Inflationsrate selbst eher „spüren“ kann als die KGVs von Unternehmen. Herrscht eine höhere Inflation als in der vergangenen Periode, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Zentralbank gezwungen sieht, die Zinsen zu erhöhen. Keine Zentralbank möchte die Zinsen erhöhen: Niedrige Zinsen sind gut für das Wirtschaftswachstum, die Wiederwahl von Regierungen, etc., so dass, alle Unabhängigkeit hin oder her, kein Notenbanker seiner Regierung in die Parade fährt, wenn er oder sie nicht muss. Somit sind steigende Zinsen anzunehmen, wenn Inflation herrscht oder Inflationsgefahren drohen. Droht eine starke Inflation und die Zinsen werden erhöht, lohnt ein Aktieninvestment weniger. Wer investiert in Aktien, wenn er 10% Zinsen sicher bekommt? Kaum jemand. Wer investiert in Aktien, wenn er 6% Zinsen sicher bekommt? Wenige. Deswegen: Gibt es ordentlich Zinsen, wird sich der Aktienmarkt nicht entwickeln. Gibt es keine guten Zinsen, fließt Liquidität in die Aktienmärkte.

Asset Allocation (Vermögenszusammensetzung). Man muss eine auf sich zugeschnittene Asset Allocation haben. Das hört sich einfach an, ist aber in der Realität sehr schwierig. Wie sind die eigenen Rahmenbedingungen? Wie werden sich die Rahmenbedingungen verändern? Fragen, die ohne Berater fast unmöglich zu beantworten sind. Es macht sind, völlig unabhängig von der Situation an den Märkten prozentuale Verteilungen von Vermögen in die einzelnen Asset Klassen festzulegen unter Berücksichtigung des eigenen Risikoprofils und diese Verteilung einzuhalten und regelmäßig upzudaten. Auch hier ist es wichtig, die Asset Allocation möglichst übersichtlich zu gestalten. „Mental Accounting“ ist eine Diversifizierung durch verschiedene unübersichtliche Anlagetöpfe, die im Kopf des Anlegers zu dem Gefühl führt, diversifiziert zu sein. In Wahrheit führt dies zu einem Verzetteln und zu Verlust der Manövrierfähigkeit.


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